Du meine Güte, diese Schweiz, denke ich. Schon wieder zeigt mir eine Kundin ein Beweisstück museumsreifer Attitüden: Sie wurde als Referentin eines hochkarätigen Podiums eingeladen, hält die Ausschreibung in den Händen und was, raten Sie mal, sehen wir da? Herr Dr. oec. XY neben Herrn Dr. iur. YZ, danebst wird ein nicht Akademiker als Profossor aufgeführt (bis dato musste man immerhin nach dem Doktorat noch ordentlich habilitieren und wartete dann geduldig auf die mögliche Beförderung zur Professur) und sie, die ich meine - die Frau Dr. oec. HSG, namentlich Privatdozentin und Unternehmerin, steht als harmlose Anna Muster ohne Titel und Ehren inmitten der holden Männlichkeit. Letztere hübsch drapiert, sie ohne jeden ehrenhaft erworbenen Schmuck gar hüllenlos. Man vergass zufällig, das ihr versprochene „Gut zum Druck“ der Einladung zu geben, die Männer hingegen waren auf der Verteilerliste und hübsch einverstanden mit ihrer Beschmückung.

Jawohl, das ist die Schweiz! Und auch die Bemerkung wollen wir nicht unterschlagen, die dann unter vorgehaltener Hand weitergereicht wurde: Die Frau Doktor hätte es wohl nötig, ihren Titel zu nennen, vermutlich mangelndes Selbstvertrauen, typisch für Frauen ihres Schlags. Herrjeh, wir schreiben das Jahr 2008 und die Welt bewegt sich im worldwide Netzwerk immer enger um sich herum. Hierzulande jedoch debattiert man über Fragen, die - ein klein wenig über den schweizerischen Tellerrand geblickt - längst zum ungehaltenen Lachen Anlass gäbe. Denn Frauen in der Schweiz müssen sofort ins Ausland, um Karriere zu machen. Frauen in der Schweiz, selbst jene, die namentlich bekannt sind, werden in der Schweizer Oeffentlichkeit weit weniger geschätzt und gelobt, als vom Ausland. Und man ist nicht etwa stolz auf sie, trägt sie auf Händen, freut sich mit ihnen, oh nein! Man fürchtet sich vor zuviel Stärke, vor zuviel Erfolg, vor ihrer Grösse und ihren Ansprüchen. Beispielsweise nach Gleichbehandlung. Man lässt sich alle Formen von schrägem Humor über sie gefallen; da lacht man über die bevorstehende Scheidung eines Bennie Nationals, der lauthals in die Medien setzt, man habe sich getrennt, seine Frau sei ausgezogen, nach über zwanzig Jahren Ehe; nun müsse er - raten Sie mal - die Putzhilfe mehr bemühen. Autsch, das tut weh. Seine Frau degradiert er damit auf eine Funktion, die selbst auch ganz einfache Geister vertehen. Und was er damit anrichtet? Eine Frau, die sich dazu freudig gratulieren darf, einen solchen Mann endlich und hoffentlich auch nur noch kurz - im Rückspiegel zu sehen; eine persönliche Visitenkarte, die nur ihresgleichen amüsant finden kann und mit Sicherheit den gefährlichen Missmut vieler Frauen, die sich gerade überlegen, was da einer gesagt hat, dem sie bislang seinen tolpatschigen schweizerischen Humor stets von Neuem verziehen haben, weil sie sich an ihn gewöhnt haben.

Auf der andern Seite sehe ich die wachsende Schar von international einsetzbaren, erstklassig ausgebildeten und hochambitionierten Karrierefrauen in der Schweiz, Schweizerinnen und Ausländerinnen übrigens; die ersten müssen das Land verlassen, um in die Teppichetagen zu kommen, die zweiten lehren ein hochdosiertes und garantiert therapeutisch wirkendes Fürchten, wollen und kommen auch in der Schweiz nach ganz oben, und sind somit als Entwicklungshelferinnen tätig. Danke, wir danken Ihnen allen, meine Damen!

Das Pünktchen auf dem berühmten "i" nun: Die demographische Entwicklung der kommenden Jahre zeigt eine gähnende Leere in den Führungsetagen auch in der Schweiz und die Sicherheit, dass schon morgen Erfolg nichts mehr mit weiblich und männlich zu tun hat. Die Geranientopf-Romantik jeder Diskussion zur Behandlung von starken Frauen gehört ins Museum und wir auf die Bühne des starken Auftritts. Daran ändern weder schwache Männer oder neidische Frauen etwas, noch Sitten und Gebräuche aus der Zeit der Ritter und Damen. Man merke sich jetzt schon: Frauen gehört ihr Doktor-Titel genauso wie Männern, sollte man sich einigen, dass sie nicht wichtig sind, dann bei beiden und - Leistungen von Schweizer Frauen gehören in der Schweiz genauso gerühmt wie vom Ausland. Wäre dies nicht ein Quantensprung in Sachen Kultur und Gesellschaft für dieses Land? Wir freuen uns auf morgen.

 

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