Passen Frauen und Männer zusammen?

25.01.2019

Ich frage mich manchmal,
ob Männer und Frauen wirklich
zueinander passen.
Vielleicht sollten sie einfach
nebeneinander wohnen
und sich nur ab und zu besuchen."

 

Katherine Hepburn (1907-2003),
amerikanische Schauspielerin

Dr. Sonja A. Buholzer: «Ich habe da eine These…; eine grosse Zahl von Managerinnen haben entweder keinen Partner oder den komplett falschen Partner an ihrer Seite. Grund: Sie verwenden viel mehr Zeit, Herz und Energie damit, den richtigen neuen Mitarbeiter oder Vorgesetzten zu finden, als den Buddy, Vertrauten, Freund und Partner.»

Wie kann es sein, dass Heerscharen von Beziehungswünschen so selten Sender und Empfänger finden, die passen? Wie kann es sein, dass die schönsten Frauen an ihrer Seite keinen oder aber einen seltsam bizarren männlichen Zeitgenossen ausführen. Dass umgekehrt die seltsamsten männlichen Exemplare die hübschesten Begleiterinnen finden, die auch dann noch bleiben, wenn er kaum noch präsentierbar ist? Die Liebe macht es, mögen die Optimistischen hier antworten. Das Mitleid, die Pessimisten. Ich meine: eine Vielzahl von Gründen machen die Mixtur mitunter unappetitlich und zu abenteuerlich, um Beständigkeit zu haben.

Hierzu der Auszug aus einem Interview meines Buches «Woman Power» mit einer jungen Managerin, die gerade eine Beziehung beendet hat. Sie ist traurig und gleichsam erleichtert, da sie die Langeweile des Alltags belastet hatte und sie nun ein neues Kapitel begonnen hat. Ihre Beziehung stammte aus der Studentenzeit, mangels Interesse und Zeit blieb sie in dieser Beziehung stecken, nun zieht sie Konklusionen. Seit Erscheinen des Buches vor einigen Jahren stelle ich fest, dass sich die Entwicklung von Partnerschaften zwischen gebildeten und karriere-orientierten Frauen und Männern noch komplexer gestaltet hat und die Resignation auf beiden Seiten verstärkt hat. Arbeit lenkt ab. Vielleicht ist dies ein guter Zeitpunkt, um darüber zu reflektieren?

Dr. Sonja A. Buholzer: «Sie sind eine der wenigen Unternehmerinnen, die alles im Griff hat und von Erfolg gekrönt sind. Dennoch scheinen Sie den privaten Erfolg nicht wirklich fokussiert zu haben, im Gegenteil zu Ihren geschäftlichen Zielen. Was folgern Sie daraus, welche Konklusion ziehen Sie daraus?»

«Ich glaube, es ist wichtig, Frauen die Message mitzugeben, dass die Evaluation des eigenen Partners mindestens so viel Zeit beanspruchen darf, wie die eines Mitarbeiters.«

Dr. Sonja A. Buholzer: «… die funktionierende Frau, die sich selbst und ihre Bedürfnisse vergisst…?»

«... Und dass es einfach auch einen freien Kopf für sich selbst bedeutet. Und dass es doppelt so wichtig ist, die eigenen Bedürfnisse immer wieder anzudocken und zu sehen, was diese machen. Ich habe im Verlaufe der Jahre ganz einfach vergessen, dass ich eine Frau bin mit Bedürfnissen einer Frau. Bin mir irgendwie selbst abhanden gekommen und habe funktioniert. Wie ein super leistungsfähiger Computer mit Docking-Station. Wer immer nur im Kopf ist, kann das Gefühl und das Herz nicht verlieren, aber deren Anschluss verpassen. Am Schluss habe ich nichts mehr geniessen können, war dauergestresst, habe dies gefühlt, doch hatte keine Zeit und Musse, mich auch damit noch zu beschäftigen. Oft fiel ich einfach halb tot ins Bett abends und wollte nur noch schlafen. Immer stärker überfiel mich diese bleierne Schwere, nicht selten gepaart mit einer gewissen Ratlosigkeit.»

Dr. Sonja A. Buholzer: «Aus meinen Coaching-Gesprächen sind Sie die leider bald repräsentative Frau, die im Geschäft für alles eine Lösung hat, sich selbst dabei vergisst und am Ende eines langen Arbeitstages nur noch etwas wünscht…, Ruhe und Schlaf? Und dennoch fehlt etwas, so etwas wie Geborgenheit und Liebe?»

«Tja... oft hätte mir wohl ein Partner nicht geschadet, der mich in den Arm genommen hätte anstelle einer weiteren Ladung Probleme aus seinem Alltag…; «

Dr. Sonja A. Buholzer: «Es gibt sicher Ausnahmen; ich erlebe jedoch, dass gerade Frauen in diesem Leistungsmodus viel Wärme, Fürsorge und Liebe vermissen, die den Akku rascher laden lassen inmitten von digitaler Verfügbarkeit und wachsenden Anforderungen. Oder dass hier wenigstens jemand ist, der sie im Dauer-Leistungsmodus liebevoll stoppt.»

Die meisten Männer machen den Fehler, sich beleidigt zurückzuziehen oder es auf sich selbst zu beziehen, nicht zu genügen. Eine komplexe Reaktion auf eine simple Ausgangslage. Und nicht besonders intelligent.

Dr. Sonja A. Buholzer: «Die letzte Trennung hat bei Ihnen heftige Reaktionen ausgelöst. Welche Gefühle sind jetzt am stärksten dabei?»

«… Momentan ist es eine Erleichterung, auch ein wenig Leere; ein wenig fühle ich mich wie Cinderella in Nadelstreifen. Das kleine Mädchen, das in den Arm genommen werden möchte. Da ist aber auch der Drang nach Freiheit.»

Dr. Sonja A. Buholzer: «Es scheint ein Konflikt zu sein, dass sich Managerinnen gerne schwache Schultern suchen, die dann einbrechen.
Gerade hier sind jene Männer, Partner wichtig, die liebevoll contra geben und den Ausgleich herstellen, der abhanden kam. Das sind aber starke Männer mit solidem Ego, mit starker Schulter und fürsorglichem Charakter. In diesem Zustand sind Frauen darauf angewiesen, dass er für sie da ist und mit viel Selbstbewusstsein Beziehungsarbeit leistet für die Partnerin, die er liebt, die er schätzt, für die er jetzt da ist.»

Und hier entsteht wohl auch der Grundlagenirrtum: Starke Karrierefrau braucht niemanden. Tendenziell zu kurz gegriffen!

Sie „braucht“ keinen Mann, sondern wünscht sich einen Mann; wenn aber, dann einen, der den Kompass trägt und ihr den Weg ausleuchtet, wo sie ihre Kraft tanken kann, sich selbst angenommen fühlt, und er für sie da ist. Sicherlich nicht jemanden, der sie erst recht in die Ecke drängt der Vorwürfe, nicht genug Zeit für ihn zu haben.

Der aber auch nicht dominiert, alte Rollenmuster vorlebt und auch nur ansatzweise Macho-Verhalten zeigt.
Solche Männertypen können mit starken und autonomen Frauen nicht kompatibel sein. Es geht nicht. Sie haben solche Frauen schon verloren, bevor eine Romanze überhaupt beginnen kann. Starke Frauen brauchen Buddies durch dick und dünn, die absolut loyal sind, die im Bedarfsfall erreichbar sind. Männer, die autonom und doch bindungsfähig sind, männlich und empathisch.

Dr. Sonja A. Buholzer: «Welche Bedürfnisse habe ich vergessen?»

«… das Gefühl, nicht kämpfen zu müssen. Sich der Leichtigkeit eines authentischen Seins überlassen zu dürfen und ganz Ich zu sein, ohne mich verteidigen zu müssen, nicht einmal erklären zu müssen. Diese Leichtigkeit des Seins, mit Humor, Lachen, Tanzen, Reisen und Spontaneität des Moments möchte ich teilen, sonst lasse ich es lieber.»

Ich bin berührt von diesen Bildern. Starke Frau ganz echt, ganz weich, ganz verletzlich, und – ganz stark verletzt. Frauen in dieser Stärke ihrer Gefühle sind unglaublich ambivalent. Komplex und schwer verständlich. Schon gar nicht für einen einfach gestrickten Mann, denke ich.
Wenn Frauen unter Karriere-Strom stehen, ist alles dabei. Kopf, Herz, Seele, Körper; da ist kaum mehr Platz für einen Mann. Frauen verausgaben sich, gefährlicher Totaleinsatz ist Norm. Abends sind sie oft so erschöpft, dass sie kaum noch Zeit für Musse haben. Für ein warmes Essen. Für gemütliche Gespräche und Einladungen, Anlässe, Freundestreffen.

Frauen unter Dauerstrom haben nur das Thema Karriere. Es ist das Herzstück und das ein und alles. In diesem dauerhaften Ausnahmezustand wird Partnerschaft zur Belastung. Hier will auch noch jemand etwas von ihr. Zeit, Worte, die für den Tag erschöpft sind, womöglich noch Empathie und geduldiges Zuhören, womöglich sogar noch einen Ratschlag. Sicher aber Zuwendung und Nähe.
Die ausgepowerte Frau gibt weiter oder geht. Und in vielen Fällen wird sie die Nerven verlieren und ihre Contenance; sie denkt laut, sie verbalisiert ihre Überforderung und – verletzt. Mit Worten. Sie verweigert sich. Fühlt sich ausgenutzt und wird sich zurückziehen. Dass sie dabei in die Spirale des Einsamkeitsgefühls gerät, ist Programm. Im schlechtesten Fall arbeitetet sie dann noch in die Nacht hinein.

Hoffentlich hat sie ihrem Partner vorher eine Gebrauchsanweisung gegeben, wie er ihr den Weg ausleuchtet, zurück zu ihm und dem Glauben an die Kraft der Liebe.
Meine Gesprächspartnerin: sie ist voller Sehnsucht nach Leben; doch sie verbrennt sich selbst wie eine Kerze an beiden Enden.

Es gibt eine Zeit für die Arbeit.
Und es gibt eine Zeit für die Liebe.
Mehr Zeit hat man nicht.

 

Coco Chanel

Diese Frau hat Träume, nur teilweise gelebtes Leben. Sie hat es verdient, mit einem ebenbürtigen Partner die Welt, den Rest ihres Lebens - das circa noch drei Dekaden dauern könnte - zu explorieren. Wird sie es tun? Wird sie eine radikale Heimkehr in ihr Herz wagen? Wird sie sich diesmal treuer sein als ihrem Partner, der vielleicht auch gar nicht so loyal war, wie es ihr schien.

Und diese Frauen, die ich treffe, diese hochbegabten, talentierten und meist auch sehr herzlichen Frauen, sind mit einer Art von Nabelschnur miteinander verbunden; diese heisst Einsamkeit der Hochbegabten, der Hypersensiblen, der Intuition und Ratio gleichermassen. Heisst Sehnsuchtspfad im Labyrinth eines Lebens, das in einem männlichen Regelwerk so wenige weibliche Spielplätze hat und noch weniger Sitzgelegenheiten für weibliche Kleidung. Die Antwort ist immer wieder: Mut zum Anders-Sein. Mut, seinen eigenen Träumen und Bedürfnissen Platz zu machen, ganz bewusst den Vortritt zu geben. Mut, den männlichen Spielplatz eigenmächtig abzutrennen und ganz simpel gestrickt zu erklären, welcher Teil ab sofort den weiblichen Spielplatz ausmacht. Lust der Rebellion ist nie falsch, wenn sie denn Win-win-Situationen schafft und beiden Teilen ein Stück Lustgewinn verheisst. Schmetterlingskraft ist Kreativität in der Führung, im Finden von Lösungen für Managementprobleme, heisst Innovationskraft und Denken über den Tellerrand hinaus. Wo es einst hiess, dass sich Frauen an Bestehendes, Männliches anzupassen hatten, da heisst es nun einfach sein.

Vielleicht ein Thema, das wir jungen Karriere-Frauen rechtzeitig auf den Weg geben. Karriere ist eine ganzheitliche Befindlichkeit – die immer im Austarieren von geschäftlichen und privaten Zielen gedeihen sollte. Alles andere ist gefährlich einseitig und diversifiziert weder Gefahren noch ausgewogene Lebensmodelle in einer disruptiven Gesellschaft. Selbstverständlich gilt dies auch für Männer…!

Das vorliegende Interview und die Konklusionen basieren auf Dr. Sonja A. Buholzers Buch: WOMAN POWER. Orell Füssli, 2014, ergänzt, überarbeitet und aktualisiert. All rights reserved.

DR. PHIL. SONJA A. BUHOLZER, M.A.

  • Frühere Ausbildungschefin/ Mitglied Direktion Bank.
  • Doktor der Philosophie (Universität Zürich), M.A. Master of Arts (State University New York), Management-Weiterbildung an der Universität Zürich/ permanente Leadership-Weiterbildungen von Wolfsberg bis USA.
  • Sonja A. Buholzer ist seit 1994 Gründerin und Inhaberin der international tätigen Wirtschafts- und Unternehmensberatung VESTALIA VISION in Zürich.
  • Persönliche Beraterin / langjährige Sparring-Partnerin namhafter internationaler Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft/ Politik im In- und Ausland. Persönlicher Coach auch zahlreicher Managerinnen, JungunternehmerInnen und nationaler Familienkonzerne im Prozess des Generationenwechsels.
  • Wirtschafts-Referentin/ Keynote-Sprecherin/ Teilnehmerin Panel- und Podiumsdiskussionen/ Moderatorin von Wirtschafts-Veranstaltungen und -Kongressen im In- und Ausland.
  • Autorin von zehn Bestsellern/Managementbüchern, darunter Bestseller wie SHARK LEADERSHIP, die in China und Norwegen erschienen, Nomination für den Deutschen Hörbuchpreis von SOLANGE DU LIEBST und etlichen Lizenzausgaben, darunter auch Hörbücher und Pocket Guides.
  • Früher leitete sie u.a. die internationale Ausbildung einer Grossbank, später die Gesamtausbildung einer andern Schweizer Bank und war damals eine der jüngsten (und wenigen) Frauen in den Bankdirektionsetagen, Mitglied der Geschäftsleitung/ Verwaltungsrätin diverser Unternehmen. Gerade deshalb berät und coacht sie auch mit viel Herzblut zahlreiche Unternehmerinnen und Frauen in weltweiten Managementpositionen bis hin zu exklusiven Female Executive Placements und Diversity-Programmen.

 

AUSBILDUNG / WERDEGANG / ENGAGEMENTS

 

Studium der Literaturwissenschaft, Philosophie, Literaturkritik und Geschichte an der Universität Zürich, 1987 Promotion zur Dr. phil., 1984-1985 wissenschaftliche Assistentin und Lehrbeauftragte an der State University of New York, 1985 Master of Arts (M.A.), Management-Weiterbildung an der Universität Zürich.

Dr. Sonja A. Buholzer ist Trägerin des Paul Harris Fellow. Sie war Rotary-Präsidentin und mehrjähriges Vorstandsmitglied, vieljährige Elektorin des Unternehmerinnen-Preises Schweiz.

Heute ist sie nebenbei auch Stiftungsrätin in ethisch-nachhaltigen Organisationen und engagiert für Frauen im Management. Dr. Sonja A. Buholzer ist brevetierte Tauch-Instruktorin und ausgebildete Haitaucherin mit Hunderten von Haitauchgängen, über deren Begegnungen sie in zwei Managementbüchern den Transfer zum Verhalten über Wasser macht. Die Begegnungen mit Haien, das Studium ihrer territorialen Verhaltensweisen und Angriff- und Verteidigungsstrategien sind immer wieder Gegenstand von Coaching-Gesprächen.
Sonja A. Buholzer lebt in Zürich und ist als Executive Coach und Referentin weltweit tätig.

 

Dr. Sonja A. Buholzer ist offizieller Coach im Coaching-Programm seit 2016 an der Universität St. Gallen

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