Zur Phobie des Scheiterns

22.01.2019

Liebe Leserin, lieber Leser

Scheitern. Ein Tabu. Ein Un-Thema in der Schweiz.
Das Scheit. Gescheiterte Existenz. Stigmatisierung eines Misserfolgs – sie kann ein Leben ruinieren.
Allerdings nur dann, wenn man sich einen Misserfolg verinnerlicht, den Misserfolg ins Herz nimmt, sich mit ihm identifiziert, zum wandelnden Misserfolg WIRD.

Das passiert aber nur dann, wenn eine Gesellschaft auf Erfolg setzt. Und nicht realisiert, dass Erfolg immer – immer- die Summe aller erfolgreich gemanagter Misserfolge darstellt.

Der Spitzensport macht es vor. Um zu siegen, muss man mit Niederlagen klarkommen.

In der Schweiz ganz besonders verzeiht man weder in Politik, noch in der Wirtschaft jeglichen offiziellen Misserfolg. Das Stigma des Gescheiterten steht schon um die Ecke, bevor man mit einem unternehmerischen Effort begonnen hat. Bedenkenträgerei, Vorsicht als berühmt-berüchtigte Mutter der Porzellankiste – Verhinderung von Brillanz und unternehmerischer Innovation ist das Ergebnis.

Man will rechtbekommen, dass es nicht geht. Unterbindet damit empirische Efforts, die auf der Erforschung von Erfolgsfaktoren beruht, oft, indem man die Misserfolgsfaktoren exkludiert. Nicht mehr, nicht weniger.

Was die USA, andere europäische Länder als eben empirische Lernkurve sehen, damit Quantensprünge der Innovation zulassen, ist hierzulande unter den Argusaugen der Medien beinahe ein Tabu: Denn Fehler sind unverzeihlich. Scheitern unvergänglich. Dem Gescheiterten blüht die oberste Kunstform der Vernichtung.

Bestenfalls Nachsicht.
Schlimmstenfalls Mitleid.
Allerschlimmstenfalls Beschweigen.

In zahlreichen Executive-Coaching-Gesprächen geht es darum, dieses Tabu von excellenten Führungskräften in Wirtschaft und Politik mit einem Neuzugang an Toleranz zu ergänzen. Das Tabu aufzubrechen und neu zu beleuchten.

Die lebbare Zukunft jeglichen Handelns auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit gelingt nur, wenn wir uns «lernende Menschen» sehen. Diese erst schaffen «lernende Organisationen.» Die explizit gewünschte Unternehmenskultur als «Kultur des kollektiven Lernens aus Fehlern» ist ein exponentieller Steigbügel zum Erfolg, zum steten Besser-Werden.

Hier entstehen Unternehmenskulturen, die wir als ganzes als «mindful organization» bezeichnen. Sie weiss, dass sie ständig neu dazulernen muss, um an der Spitze zu stehen. Sie teilt einerseits «Scheiterphobien» doch weiss auch, dass sie existiert, weil sie immer neue Fehler machen muss, um zu lernen.

Als promovierte Philosophin und Unternehmerin wurde ich kaum fündig in meinen Recherchen über dieses Thema, philosophisch fokussiert: Es gibt kaum eine Philosophie oder Soziologie des Scheiterns! Das Thema geistert durch die Denkgeschichte, kondensiert sich bestenfalls in einzelnen Gedanken und Studien partiell.
Vielleicht liegt es daran, dass «Scheitern» - empirisch betrachtet – zu trivial ist, weil die Wissenschaft von «try and error» lebt.

So ist es auch in der Wirtschaft: Mehr als 80 Prozent der Start-ups scheitern innert drei Jahren. Datengestützte Firmen wie Facebook und Google testen fast alle Optimierungsvorschläge für ihre Websites in A/B-Tests. Rund 90% aller Verbesserungsvorschläge werden verworfen, da sie schlechter als der status quo sind.
Eine fiese Erkenntnis: Die meisten Menschen könnten daraus den Schluss ziehen, dass Innovation meist unmöglich ist, existentiell gefährlich, teuer und – wiederholen, was sich in der Vergangenheit bewährte.

Mann kann auch zum gegenteiligen Schluss kommen: Wenn so wenig klappt, muss umso mehr experimentiert werden. Mit hoher Resilienz und einem weisen Mass an Tiefen-Entspannung. Mit wissenschaftlicher Neugier. Und einem Netzwerk von risiko-diversifizierenden Partnern.

Herzlich,
Dr. Sonja A. Buholzer, Zürich
www.sonjabuholzer.ch/www.vestalia.ch

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