Corona

Covid-19 hat unser gesamtes Leben wachgerüttelt.
Privat und beruflich werden wir auf die existentiellen Gründe unseres Seins zurückgeworfen.
Wir finden uns inmitten einer mittelalterlichen Theodizee, die uns mit der Frage nach dem Sinn des Leidens konfrontiert. In allen wesentlichen Philosophien jener Zeit wird mit Blick auf die christlichen Werte der Mensch bei Leid dazu aufgerufen, sich in die Liebe zu bewegen und den Willen einer – wie auch immer genannten – höheren Macht zu befolgen. Ich mache es kurz; wir haben in unserem Eifer den mediävistischen Sinn des Lebens aus den Augen verloren: Ethik, Humanität, Gerechtigkeit, Demut, Einbindung in die allumfassende göttliche Macht mit ihren Gesetzen von Kausalität, Leben als höchstes Gut vor jedem ökonomischen und politischen Machstreben.

Und immer wieder: Demut. Gerade diese lernen wir jetzt neu.

Allmachtsfantasien, Gier und Rücksichtslosigkeiten im Streben nach Haben vor Sein haben ausgedient. Sie wurden korrigiert. Die Welt lässt sich zu nichts zwingen, sie lässt sich nicht beliebig nutzen, die Natur fordert ihre Rechte zurück und hierin auch unseren Umgang mit den Tieren, die wir ohne jede Regung jahrtausendelang rücksichtslos ausgebeutet haben.

In diesen Wochen macht sich die Erde wieder den Menschen untertan und wir verrücken gerade unsere fehlende Reife in die richtige Richtung: Achtsamkeit, Demut, Rücksichtnahme, Leben im Zentrum, grüne und vegane Entwicklungen, Meditation und die Kunst des Spielens – Gott galt als «Deus ludens», spielender Gott, im Mittelalter – begleiten uns auf Spaziergängen in der Natur, die wir uns zeitlich wieder leisten dürfen.

Plötzlich haben wir wieder Zeit. Zeit für uns, für all das, was wir uns verboten haben, weil wir der Zeit hinten nachrennen mussten, dauergestresst und taub für Sinnhaftigkeit.

Ich wünsche uns, dass wir diese – vielleicht letzte - Chance nachhaltig packen und dauerhaft in unser künftiges Reisegepäck legen.

Covid-19 lässt uns Zeit zum Nachdenken. «Die Erde hat uns aufs Zimmer geschickt, damit wir darüber nachdenken, was wir angestellt haben», las ich kürzlich von unbekannter Autorenschaft.

Mögen wir nie mehr in unser altes Leben zurückfallen. Mögen diese «ver-rückten Zeiten» (so einer meiner Buchtitel) ver-rückt bleiben und uns weitertreiben in eine Zukunft der Weisheit und Ethik ohne Wenn und Aber.

Ich wünsche Ihnen allen von Herzen beste Gesundheit.

Dr. phil. Sonja A. Buholzer, M.A., Zürich
03-2020
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